Wenn aus Nerds Rockstars werden

7.10 Uhr Berlin Hauptbahnhof, ich renne über die Treppen von oben nach ganz unten. 7.11 Uhr, ich steige in den Zug, 7.12 Uhr Abfahrt nach Hamburg. Naja. Fast. Natürlich hatte der Zug 10 Minuten Verspätung und gilt damit sicherlich als pünktlich. Aber egal, darum geht’s ja hier gar nicht. An dieser Stelle möchte ich endlich von den Online Marketing Rockstars 2014 berichten, deren Gast ich und 1999 weitere Menschen vergangenen Freitag waren. Dabei handelt es sich um einem Kongress, der im sechsten Jahr in Hamburg stattgefunden hat und das internationale Who-is-who der Szene dieses Jahr im Stagetheater zusammenführte.

9.00 Uhr am Freitag: Überfahrt von den Landungsbrücken zum Stagetheater auf der OMR-Fähre

Erstmal: die Speaker, die Themen, die Location und die Organisation waren topp. zum Beispiel plauderten u.a. WIRED-Gründer John Battelle, buzzfeed-Gründer Jonah Peretti, SEO-Hero Rand Fishkin und Carsten Cramer, Vertriebs- und Marketingdirektor bei Borussia Dortmund, aus ihren beruflichen Nähkästchen, in der Kaffeepause waren Fettes Brot on Stage (!!) und vor dem Mittagessen schaute mal eben noch Das Bo vorbei, der bereits als DJ für die Aftershowparty angekündigt war. Und das alles für einen Haufen Menschen, denen man das vor einigen Jahren wohl nicht zugetraut hätte. Denn da galten sie alle noch als „Nerds“, die schon immer vieles an einem Computer verstanden haben, wofür andere sich nie interessierten. Wahrscheinlich startete der Einlass deshalb schon um 7.45 Uhr – eine eher uncoole Zeit aus meiner Sicht. 

Jonah Peretti, buzzfeed
Inhaltlich war es dann aber wieder cool. Jonah Peretti, buzzfeed-Gründer und besonders spannend für Contentmarketers, also auch für mich. Er sagt, dass man Menschen vieles „beibringen “ kann, denn es gab eine Zeit, da haben wir Nutzer gar keine journalistischen Inhalte auf Facebook, Twitter und Co. geteilt. Ja, es gab wohl eine Zeit, da ging es nur um lustige Tiervideos, Wetterbilder und Kinderfotos. Buzzfeed lebt aber genau davon, dass Artikel und Reportagen weiter verbreitet werden. Social Media Rules: Für Peretti geht es um Reichweite, die durch Social Media erzeugt wird. Aus seiner Sicht ist diese „Werbeform“ viel effektiver als irgendwelche Banner. Es ist eben doch mehr Wert, wenn meine Freundin mir ein Video mit Schmink-Tipps empfiehlt, als wenn mich das Video durch Banner quer durchs Internet verfolgt.

Angekündigt mit nur 6 Charts kam dann Christoph Schäfer, um im Gegensatz zu Jonah Peretti, eine Lanze für Banner zu brechen. Er, Gründer der Agentur Performance Media mit mittlerweile 170 Mitarbeitern, findet, dass man Zielgruppen über fein ausgesuchte Targetingmaßnahmen besser auswählen und zuspitzen muss. Dann sinkt der CPO und der Erfolg kommt trotzdem. Auch mit Bannern. Seine Stichworte: granulare Mediaplanung mit Facebooks Hilfe, denn Facebook weiß zum Beispiel, dass es in Deutschland 74.000 Münzfreunde und 15.000 Briefmarkensammler gibt (was ich mir eher andersherum vorgestellt hätte by the Way…). Und das wird irgendwann auch für TV-Werbung relevant, denn TV wird Display. So sein Trend. Wenn TV nur noch über Internet kommt, dann schicken wir unsere Spots nicht mehr an RTL, sondern machen auch hier eine granulare Mediaplanung und kriegen wirklich nur die, die wir kriegen wollen. Nutzer suchen aus, Marketers suchen aus. Schöne freie Welt! 

Und da war er dann: Rand Fishkin mit dem Vortrag „Keeping up with google in 2014„. Er wies gleich zu Beginn darauf hin, dass seine gesamte Präsentation im Netz zu finden sei und zwar hier: http://bit.ly/keepupwithgoogle

Rand Fishkin
Inhalt in etwa: Wie halten wir mit Google mit, wenn mehr als 500 Mal pro Jahr Veränderungen am Suchalgorithmus vorgenommen werden? Es ist heute noch viel schwieriger als vor ein paar Jahren durch gutes SEO möglichst weit oben zu ranken. Weit oben zu ranken, bedeutet aber Verkäufe, Umsätze, Reichweite. Es ist wichtig die größten Algorithmen zu kennen und zu wissen, dass es z.B. auch einen Einfluss hat, ob jemand Google+ Nutzer ist (=höheres Ranking durch „Hummingbird“) oder das Google z.B. Rezepte auf der Ergebnisseite ausführlich mit Bildern darstellt und den jeweiligen Seiten, die den Inhalt eigentlich anbieten, so einen Teil des Traffics nimmt („Knowledge Graph“). SEO wird in Zukunft viel aufwändiger sein und mehr Strategie erfordern. Kam man 2007 noch mit „Keyword Research & Targeting“ und „Link Building“ durchaus weit, gilt es heute viel mehr Anforderungen zu kennen und zu genügen.
Elvir Omerbegovic, President of Rap
Obwohl Rand Fishkin schwer zu überbieten war, hat der nächste Speaker dann doch meinen absoluten Lieblings-Titel. Der Mann, der Selfmade Records aufgebaut hat, ein Plattenlabel für HipHop-Künstler, heißt Elvir Omerbegovic und ist mittlerweile President of Rap bei Universal Music, was schon erahnen lässt, dass der Gute einiges richtig gemacht hat. Er ist mit zum Beispiel verantwortlich für den Erfolg von Caspar und hat mit ziemlich auffälligen Marketingmaßnahmen mal eben ein eigenes Hiphop-Label aus dem Boden gestampft. Ich möchte auf jeden Fall auch gerne President of Rap sein.

Robbie Williams, ähh, Michael Trautmann war auch da. Das hat mich sehr gefreut, da mit ihm neben vielen „Techniknerds“ (ist nicht dispektierlich gemeint) auch ein Kreativer auf die Bühne durfte, was mir manchmal etwas fehlt.

Michael Trautmanns großen 5 Minuten
Wer ihn nicht kennt: Michael Trautmann war lange Zeit ein Teil der Agentur kempertrautmann und ist jetzt ein Teil der Agentur thjnk. Mit seinem Appell an alle Performance Experten sprach er mir aus der Seele: Sucht auch den Dialog mit den Kreativen. „Gemeinsam können wir viel erreichen.“ Und zum Abschluss hielt er es für eine gute Idee noch eben zu singen und schmetterte Angels von Robbie. Eine ganz lustige Einlage, bei der ich mir allerdings sicher bin, dass sie sich kein anderer hätte erlauben dürfen. 
Das Bo
Vorfinale vor der Mittagspause: das Bo direkt aus dem Bett. Kleine Komikeinlage (was er – für mich überraschend – sehr gut kann) und dann, na klar, „türlich, türlich“ – der Song der bereits verjährten Kellerparties meiner Jugend! 
 
Es folgte die weniger unterhaltsame Mobile-Stunde mit Cornelius Rost. Oder eher Werbestunde für queep. Hmm, nach der Mitteilung, dass Android gegen iOS gewinnen wird und ein Abriss darüber, was mobiles Internet tagtäglich eigentlich ist, ging es dann auch schon um queep. Er selber macht qeep, eine Social App, die seit 2006 im Flirt und Gaming Bereich von knapp 2 Mio. Usern genutzt wird. Allerdings nur 5% dieser Nutzer kommen aus Deutschland, vielmehr Anteile sind in Lateinamerika und UK. Botschaft: Wachstum mobil geht nur mit Apps. Aha. Hinter mir gab es dazu dann auch konsequentes Getuschel darüber, dass der Cornelius da vorne nichts Neues erzählt und ein kleines „Phrasenschwein“ ist. (Ich zitiere nur…)

Carsten Cramer vom BVB war dafür wieder ein Highlight. Reichweite, Reichweite, Reichweite ist sein Credo und dabei die Menschen erreichen, die irgendwann mal in die Marke investieren.
„Echte Liebe“ mit Carsten Cramer
„Echte Liebe“ muss aber IMMER im Fokus sein. Mittlerweile werden 50% der Umsätze mit den BVB-Fanartikeln online gemacht. Das Stadion wird gerade WLAN-fähig, aber „kommen sie nicht auf die Idee um 15:30 Uhr mit den Smartphones was abzufilmen!!“ Twittern geht aber schon. Unter #spieltag werden die 90 Min BVB auf 840 min ausgeweitet. Der Spieltag muss nicht nur für den 36-jährigen Dauerkartenbesitzer Mathias im Stadion erlebbar sein, sondern auch für den Fan in Chemnitz und den Fan in Indonesien. Alle Aktivitäten müssen glaubwürdig und authentisch bleiben. Keine unnötigen und nervigen Kaufaufforderungen. Langfristige Bindung muss im Mittelpunkt stehen, der BVB wird nicht jedem Trend hinterlaufen. 


Unglaublich, Fettes Brot. Kurz vor der zweiten Kaffeepause stehen auf einmal Fettes Brot auf der Bühne und rocken das Stagetheater! Hammer und danke – das war schon echt cool und so gar nicht nerdig 🙂


 

Danach wollten die Leute trotzdem ihren Kaffee, was ich ein bisschen schade fand, denn dadurch gab es Gewusel im Saal, während Thomas Brandhoff über Sociomantic referierte. Das tat seinem Vortrag aber keinen Abbruch. Er blieb entspannt und erzählte, was Sociomantic so ist und teilte mit uns übrig gebliebenen die Erkenntnis, dass in der Mediaplanung mehr segmentiert werden muss. Aha! Darin sind sich offensichtlich alle einig. 

Den denkwürdigen Schluss machte John Batelle vom WIRED Magazine mit einem Ausblick auf unsere Zukunft: „Everything talks with everything!“ Ein toller Speaker und beeindruckend wie er die Welt sieht. Und nach Michael Trautmann wies auch er noch einmal auf die Bedeutung von Kreativität hin:“Creativity can’t be programmed. It is the lifeblood of marketing.“ So ist das. 

Damit hatte ein wirklich großartiger Tag ein würdiges Ende genommen. Und mein Fazit: Der Titel hält was verspricht! Leider musste ich mir die Aftershowparty sparen, aber ich habe ungefähre Vorstellungen, was mich erwartet hätte. Nächstes Jahr bin ich dabei! Auf jeden Fall 🙂 

Was andere sagen:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: